Den Tod durch Kinderaugen sehen
- Mai, 2026

Manchmal sind es die Kinder, die uns Erwachsenen zeigen, wie offen, ehrlich und
unvoreingenommen wir dem Leben begegnen können. Sie stellen Fragen, vor denen
wir oft zurückschrecken. Sie wollen wissen, warum jemand stirbt, wohin ein Mensch
geht, ob man ihn wiedersehen kann und weshalb das Herz so weh tut, wenn jemand
fehlt.
Kinder spüren sehr genau, wenn etwas anders ist. Auch wenn wir versuchen, sie vor
dem Schmerz zu beschützen. Und manchmal brauchen sie einfach Bilder und
Geschichten. Etwas, das ihre Seele versteht, obschon der Verstand es vielleicht noch
lange nicht begreifen kann.
Die grossartige und vielfältige Welt der Kinderbücher zeigt uns, wie heilsam solche
Bilder sein können. Auch wir Erwachsenen dürfen dort dem Tod auf einer anderen
Ebene begegnen. Auch wir finden dort Trost und Hoffnung, wenn wir uns in die Welt
der Kinder begeben, mit ihren Augen auf den stetigen Wandel und die Wunder im
Leben blicken und uns berühren lassen vom Zauber dieser Geschichten und von
deren Botschaften.
Manchmal reicht ein einziges Bild. Ein Teich. Eine Libelle. Eine Verwandlung.
Gerne teile ich mit euch die Geschichte der Wasserkäfer:
Am Boden eines kleinen, ruhigen Teiches lebte eine Gemeinschaft von
Wasserkäfern. Es war eine zufriedene Gemeinschaft, die dort im Halbdunkel lebte
und damit beschäftigt war, über den Schlamm am Boden des Teiches hin und
herzulaufen und nach etwas Nahrung zu suchen.
Immer wieder bemerkten die Wasserkäfer jedoch, dass der eine oder andere von
ihnen anscheinend das Interesse daran verlor, bei ihnen zu bleiben. Er klammerte
sich dann an einen Stängel einer Teichrose und kroch langsam daran empor, bis er
verschwunden war. Dann wurde er nie wieder gesehen.
Eines Tages, als dies wieder geschah, sagten die Wasserkäfer zueinander: „Da
klettert wieder einer unserer Freunde den Stängel empor. Wohin mag er wohl
gehen?“
Aber obwohl sie genau zuschauten, entschwand auch dieses Mal der Freund
schliesslich aus ihren Augen. Die Zurückgebliebenen warteten noch eine lange Zeit,
aber er kam nicht zurück.
„Ist das nicht merkwürdig?“, sagte der erste Wasserkäfer.
„War er denn hier nicht glücklich bei uns?“, fragte der Zweite.
„Wo er jetzt wohl ist?“, wunderte sich der Dritte.
Keiner wusste eine Antwort. Sie standen vor einem Rätsel. Schliesslich berief der
Älteste der Käfer eine Versammlung ein.
„Ich habe eine Idee“, sagte er. „Der Nächste, der von uns den Teichrosenstängel
emporklettert, muss versprechen, dass er zurückkommt und uns erzählt, wohin er
gegangen ist und warum.“
„Wir versprechen es“, sagten alle feierlich.
Nicht lange danach, an einem Frühlingstag, bemerkte genau der Wasserkäfer, der
den Vorschlag gemacht hatte, dass er dabei war, den Teichrosenstängel
emporzuklettern. Höher und immer höher kletterte er. Und dann, noch bevor er
wusste, was ihm geschah, durchbrach er die Wasseroberfläche und fiel auf ein
grosses, grünes Teichrosenblatt.
Als der Wasserkäfer wieder zu sich kam, blickte er verwundert um sich. Er konnte
nicht glauben, was er da sah. Alles war ganz anders und auch sein Körper schien auf
merkwürdige Art verändert. Als er ihn neugierig zu betrachten begann, fiel sein Blick
auf vier glitzernde Flügel und einen langen Hinterleib, die nun anscheinend zu ihm
gehörten.
Noch während er sich über seine ungewohnte Form wunderte, spürte er ein
Drängen, die Flügel zu bewegen. Er gab dem Drängen nach, bewegte seine Flügel
und plötzlich, ohne zu wissen wie, befand er sich in der Luft.
Der Wasserkäfer war eine Libelle geworden.
Auf und ab, in engen und grossen Kreisen, bewegte sich die neugeborene Libelle
durch die Luft. Sie fühlte sich wunderbar in diesem so ganz andersartigen Element.
Nach einiger Zeit liess sie sich auf einem Blatt zum Ausruhen nieder.
In diesem Moment sah die Libelle hinunter ins Wasser. Und da waren ihre alten
Freunde, die anderen Wasserkäfer, die hin und her liefen am Boden des Teiches.
Jetzt erinnerte sich die Libelle an ihr Versprechen.
Ohne lange zu überlegen, stürzte sich die Libelle hinab, um ihren alten Freunden zu
berichten. Aber sie prallte an der Oberfläche des Wassers ab.
„Ich kann nicht zurück“, sagte sie traurig. „Zwar habe ich es versucht, aber ich kann
mein Versprechen nicht halten. Und selbst wenn ich zurückkönnte, kein einziger
meiner Freunde würde mich in meinem neuen Körper erkennen.“
Und nach einigem Nachdenken wurde ihr klar: „Ich muss wohl warten, bis sie
ebenfalls Libellen geworden sind. Dann wissen sie selbst, was mir widerfahren ist
und wohin ich gegangen bin.“
Und damit flog die Libelle glücklich empor, in ihre wunderbare neue Welt aus Licht
und Luft.
Vielleicht ist genau das der Trost, den uns diese Geschichte schenkt. Dass wir nicht
alles wissen müssen. Dass wir nicht alles sehen können. Und dass es dennoch
möglich ist, Vertrauen zu haben.
Kinder können uns mit ihrer feinen, offenen Art daran erinnern. Sie fragen nicht
immer nach Beweisen. Sie suchen nach Bildern, nach Nähe, nach einem Gefühl, das
ihnen Halt gibt. Und manchmal kann eine solche Geschichte nicht nur den Kindern,
sondern auch uns in unserem Schmerz helfen und dem Unfassbaren eine Form
geben.
Der Tod bleibt ein Abschied. Er bleibt ein grosses Geheimnis und gleichzeitig eine
der grossen Lektionen unseres Lebens. Er bleibt schmerzhaft und er hinterlässt eine
Lücke. Und vielleicht dürfen wir uns vorstellen, dass hinter der Grenze, die wir Tod
nennen, nicht nur ein Ende wartet, sondern eine Verwandlung, für die uns hier noch
die Worte fehlen.
Über mich
Daniela Hefti
In meiner Arbeit zeichnen sich Mitgefühl, Respekt und Offenheit als meine grundlegenden Werte aus. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen. Eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder willkommen fühlt und angenommen ist, liegt mir am Herzen.
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